Umbruch in der Automobilzulieferindustrie: Die Zeit drängt

Der Automobilmarkt in Asien wächst dynamisch, während er in Europa stagniert. Das führt in der Branche zu einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Als Erste verlagerten die OEMs ihre Produktionsstätten in Schwellenländer, allen voran nach China. Die internationalen Zulieferunternehmen folgten. Jetzt wächst der Druck auf die mittelständischen Zulieferer, es den großen Playern gleichzutun. China-Experte Hans-Dieter Franke, Geschäftsführender Gesellschafter MPower GmbH, bewertet im Interview mit EinBlick die aktuellen Entwicklungen, Chancen und Herausforderungen.
Herr Franke, werden sich die mittelständischen Zulieferer neu aufstellen müssen?
Hans-Dieter Franke: Der starke Preisdruck und die veränderte Strategie der OEMs hin zu Local Sourcing zwingen auch kleinere Unternehmen dazu, sich zu internationalisieren. Wir erwarten, dass die lokale Sourcing-Quote von bisher 50 Prozent auf 80 bis 90 Prozent ansteigen wird, zunehmend auch im Premiumsegment. Der hohe Innovationsaufwand drückt auf die Margen, zudem erfüllen die Produkte nur unzureichend die Anforderungen der Wachstumsmärkte. Deswegen reichen klassische Anpassungsstrategien, wie Kostensenkungen oder Standortverlagerungen, nicht mehr aus. Es geht jetzt um strategisch sinnvolle Akquisitionen, durch die sich neue Märkte und Kunden oder neues Know-how erschließen lassen.


Reagieren die Hersteller auf den Druck?
Hans-Dieter Franke: Bisher leider viel zu wenig, dabei drängt die Zeit. Den Tier2- und Tier3-Zulieferern werden nur noch zwei bis drei Jahre bleiben, um Konzepte für globale Werke und Sourcing vor Ort zu erarbeiten und umzusetzen. Aber da finanzielle und vor allem personelle Ressourcen fehlen, werden aktuell viel zu wenige richtungsweisende Maßnahmen eingeleitet.
Wie ist die richtige Vorgehensweise, um Geschäfte in China auf- oder auszubauen?
Hans-Dieter Franke: Eine allgemeingültige Lösung gibt es nicht, dafür ist die Entscheidung für eine Strategie oder für einen Standort viel zu komplex. Sie müssen die relevanten Einflussfaktoren berücksichtigen. Dazu gehören u.a. eine Risikoanalyse der Situation vor Ort, die Vorgaben der OEMs, die Komplexität der Teilestruktur, die Versorgungssicherheit sowie rechtliche Gegebenheiten. In der Regel werden mehrere Optionen überprüft: der Aufbau eines eigenen Werkes, eines Joint Ventures oder die Kooperationen mit anderen Dienstleistern.


Eigenes Werk oder Kooperation – was ist die bessere Wahl?
Hans-Dieter Franke: Mittlere und kleinere Unternehmen verfügen nicht über die Kapazitäten, um in einem so außerordentlich großen Markt kurzfristig ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Aber es gibt zahlreiche chinesische Kooperationspartner, die bereits „in den Startlöchern“ stehen, um mit einem geeigneten deutschen Unternehmen aus dem Mittelstand zusammenzuarbeiten. Viele der chinesischen Betriebe fertigen sehr gute Produkte zu günstigen Konditionen in hervorragender Qualität. Die größte Herausforderung besteht zunächst darin, die richtigen Ansprechpartner und Netzwerke zu finden und dann zu verstehen, wie die Netzwerke funktionieren.