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Internationalisierung neu gedacht - Wachstum jenseits der etablierten Märkte

Weltweit verschieben sich die Wachstumsperspektiven. Europa bleibt wichtig, doch neue Impulse entstehen zunehmend außerhalb der etablierten Märkte – jenseits von Europa, den USA und China. Für den Mittelstand wird Internationalisierung damit zur strategischen Aufgabe. Der dritte Teil der Serie Internationalisierung neu gedacht zeigt, welche Märkte an Bedeutung gewinnen und wie Unternehmen ihre internationale Positionierung erfolgreich ausrichten können.

Internationalisierung im Mittelstand wird bei vielen Unternehmen noch vom Vertrieb hergedacht. Nach-haltiger Erfolg in Auslandsmärkten erfordert jedoch mehr: klare Zielkunden, regionale Schwer-punkte und eigene Servicekompetenz. Auch der langfristige Aufbau eines Marktes wird unterschätzt – sowohl bei den erforderlichen Investitionen als auch bei der lokalen Präsenz. Gerade im Maschinenbau zeigt sich, dass nachhaltiger Erfolg im Ausland mehr verlangt: ein klares Zielkundenprofil, regionale Tiefe, eigene Servicekompetenz und ein gutes Verständnis kultureller und regulatorischer Unterschiede.

Die richtigen Märkte wählen
Für mittelständische Unternehmen wird Internationalisierung so zur strategischen Neuaufstellung: Welche Märkte haben künftig Priorität und mit welcher Strategie sollen sie erschlossen werden. Wo entstehen in den kommenden Jahren Investitionen? Wo treffen eigene Kompetenzen auf bislang unterversorgte Nachfrage oder auf Märkte, in denen ein spezialisierter Qualitätsanbieter fehlt? Und in welchen Regionen lassen sich neben dem Projektgeschäft auch stabile Erlöse aus Service, Ersatzteilen oder Modernisierung aufbauen – wie beispielsweise in Märkten, die für große Konzerne zu klein, für spezialisierte Mittelständler jedoch attraktiv sind?

Südostasien: Industrialisierung und Produktionsverlagerung
In Teilen Südostasiens – etwa Vietnam, Indonesien, den Philippinen oder Thailand – entstehen neue industrielle Wachstumsräume. Treiber sind Urbanisierung, Infrastrukturprogramme und die Verlager-ung von Produktion aus China im Rahmen der „China+1“-Strategien internationaler Konzerne. Für mittelständische Industrieunternehmen ergeben sich hier Chancen vor allem in Automatisierung, Prozessoptimierung, Spezialmaschinen sowie der Modernisierung bestehender Anlagen. Der Markteintritt erfolgt häufig über lokale Servicepartner oder Joint Ventures. Besonders interessant ist die Region für Maschinenbau, Automatisierung sowie Bau- und Umwelttechnik.

Indien: Großer Markt – mit lokalem Partner
Indien zählt zu den größten Wachstumsmärkten der kommenden Jahre, etwa in Infrastruktur, Energie, Schienenverkehr und Smart Manufacturing. Gleichzeitig bleibt der Markt anspruchsvoll. Erfolgreich sind meist Unternehmen, die früh auf lokale Partnerschaften setzen und Wertschöpfung vor Ort aufbauen. Kooperationen gewinnen an Bedeutung – etwa bei Marktbearbeitung, Produktentwicklung oder im Aufbau einer zweiten, kostenoptimierten Produktlinie gemeinsam mit Partnern aus Low-Cost-Ländern.

Osteuropa: Nearshoring und EU-Fördermittel
Auch in Teilen Osteuropas entstehen neue Investitionsimpulse. Länder wie Rumänien, Bulgarien, die baltischen Staaten oder Regionen des Westbalkans profitieren von Nearshoring-Trends und umfangreichen EU-Förderprogrammen. Für mittelständische Industrieunternehmen bietet sich hier die Möglichkeit, als Technologiepartner und Modernisierer industrieller Strukturen aufzutreten.

MENA: Investitionsprogramme im Mittleren Osten
Im Mittleren Osten treiben staatliche Investitionsprogramme den Aufbau neuer Industrien voran. Vor allem Saudi-Arabien im Rahmen der „Vision 2030“, aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar investieren massiv in Infrastruktur, Hightech-Industrien und Zukunftstechnologien. Die Märkte der Region sind stark investitionsgetrieben und technologieoffen. Die Staaten versuchen, ihre Wirtschaft breiter aufzustellen und sich schrittweise von der Abhängigkeit von Rohstoffen zu lösen. Gleichzeitig bleibt die Region geopolitisch sensibel. Der Konflikt mit Iran und die Spannungen rund um den Persischen Golf sorgen für geopolitische Unsicherheit und können Investitionsentscheidungen kurzfristig beeinflussen.

Mercosur und Türkei: Neue Zugänge über regionale Netzwerke
Auch in Teilen Südamerikas sowie in der Türkei entstehen Chancen für spezialisierte Industrieanbieter. Der Markteintritt gelingt häufig über regionale Netzwerke, Vertriebspartner oder lokale Produktionsstrukturen. Für mittelständische Unternehmen kann zudem eine zweite, kostenoptimierte Produktlinie sinnvoll sein, die gemeinsam mit Partnern an Low-Cost-Standorten entwickelt wird.

Wachstum durch Modernisierung und Dekarbonisierung
Neue Wachstumsmöglichkeiten entstehen nicht nur durch die Erschließung neuer Auslandsmärkte, sondern auch entlang großer Investitionstrends. Dazu zählt die Modernisierung von Infrastruktur – etwa bei Verkehrssystemen, Energie- und Wassernetzen oder bei der Sanierung bestehender Gebäude. Ein zweiter Wachstumstreiber ist die Dekarbonisierung der Industrie. Lösungen zur Energieeffizienz, CO₂-Monitoring oder zur Elektrifizierung industrieller Prozesse gewinnen weltweit an Bedeutung. Gleichzeitig wächst der Markt für Retrofit und Effizienzsteigerungen bestehender Anlagen – etwa durch Automatisierungsnachrüstung, Steuerungsmodernisierung oder Energie-Upgrades. In vielen reifen Industriemärkten übersteigt dieses Modernisierungsgeschäft bereits das Volumen klassischer Neuanlagen.

Vom Maschinenverkauf zum Servicegeschäft
Gleichzeitig verlagert sich Wertschöpfung zunehmend in Service- und Ersatzteilmärkte. Viele Mittelständler verkaufen ihre Maschinen international, bauen Service- und Ersatzteilstrukturen vor Ort jedoch nur zögerlich auf. Regionale Ersatzteil-Hubs, digitale Fernwartung, Predictive Maintenance oder Serviceverträge bieten oft stabilere und margenstärkere Erlöse als das klassische Projektgeschäft. Neue Chancen entstehen zudem durch digitale Plattformmodelle für Ersatzteile, Komponenten oder Spezialmaterialien. Spezialisierte Anbieter können internationale Nischen zunehmend auch ohne klassische Länderorganisation über digitale Vertriebsmodelle erschließen.

Vom Produkt zur Lösung
Neben Service und Ersatzteilen gewinnt auch die Positionierung über Lösungen an Bedeutung. Statt ausschließlich Maschinen zu verkaufen, rücken konkrete Verbesserungen beim Kunden in den Mittelpunkt – etwa geringere Produktionskosten, niedrigeren Energieverbrauch oder höhere Anlagenverfügbarkeit. Grundlage sind klare ROI-Argumentationen, KPI-basierte Angebote und zunehmend Performance- oder Serviceverträge. Zugleich eröffnet eine stärkere Diversifikation neue Chancen. Viele deutsche Maschinen- und Anlagenbauer sind traditionell stark auf die Automobilindustrie ausgerichtet. Wachstum entsteht jedoch auch in anderen Branchen – etwa in Energie, Infrastruktur, Medizintechnik oder Prozessindustrien.

Vier Modelle für die internationale Positionierung
Für Maschinen- und Anlagenbauer zeichnen sich neue Modelle der Internationalisierung ab. 
Ein Ansatz ist der lokalisierte Export, bei dem klassische Exportstrukturen durch lokale Wertschöpfung ergänzt werden – etwa durch Montage, Engineering vor Ort oder Service-Hubs. Eine zweite Variante ist die kapitalarme Internationalisierung, bei der Unternehmen über Lizenzmodelle, lokale Systempartner, Technologiemodule oder digitale Services international wachsen, ohne große eigene Strukturen aufzubauen. Ein drittes Modell ist die Rolle als Lösungsanbieter statt Produktanbieter: Im Mittelpunkt stehen nicht Maschinen, sondern konkrete Verbesserungen beim Kunden, etwa geringere Kosten, höhere Effizienz oder CO₂-Reduktion. Viertens können Unternehmen als regionale Marktführer auftreten, indem sie sich auf wenige Kernregionen konzentrieren, dort Marktaufbau-Teams etablieren und lokale Service- oder Montagekapazitäten entwickeln. Ergänzend entstehen Wachstumsoptionen auch über Plattform- oder Buy-and-Build-Strategien, etwa durch die Übernahme lokaler Service- oder Engineeringanbieter und die Skalierung über eine bestehende installierte Basis.

Neue Wachstumsfelder für den Mittelstand
Auch unter den aktuellen globalen Veränderungen eröffnen sich für den industriellen Mittelstand attraktive Wachstumsfelder. Dazu zählen vor allem der Ausbau des internationalen Service- und Ersatzteilgeschäfts, eine stärkere Präsenz in Wachstums- und Nearshoring-Regionen wie Südostasien und Osteuropa, der Retrofit- und Effizienzmarkt sowie lokale Plattformakquisitionen in wichtigen Märkten. Viele dieser Chancen entstehen jenseits der klassischen Märkte und des traditionellen Produkt- und Projektgeschäfts.

Weitere Teile der Serie Internationalisierung neu gedacht:

Teil 1 – Standort Deutschland unter Druck

Teil 2 – Wenn internationale Anbieter heimische Märkte angreifen