Auch wenn sich die Situation im Nahost-Konflikt vermeintlich entspannt – für die Aluminiumindustrie ist die Krise noch nicht vorbei. Nach Jahren schwacher Nachfrage hat der Krieg die Probleme weiter verschärft: höhere Preise, gestiegene Energiekosten und erneute Belastungen der Lieferketten treffen Hersteller und Abnehmer. In unserer dreiteiligen Serie zeigen wir, welche Folgen der Golfkonflikt für die Versorgung mit Aluminium hatte und in den kommenden Monaten noch haben wird. Teil 2 und 3 befassen sich mit der Aluminiumindustrie und ihren Abnehmerbranchen.
Die Golfregion im Fokus
Aluminium hängt – anders als viele andere Metalle – stark von der Golfregion ab. Sie liefert rund 8 % des weltweiten Primäraluminiums und deckt etwa 19 % der EU-Importe. Durch Raketenangriffe, kontrollierte Abschaltungen und Gasversorgungsprobleme sind bis zu 3,5 Millionen Tonnen Jahreskapazität weggefallen – fast die Hälfte der gesamten Golfproduktion. Die noch produzierenden Schmelzen sind auf Tonerde und Bauxit angewiesen, die ebenfalls über die zeitweise blockierte Straße von Hormus transportiert werden. Auch nach einer Öffnung normalisiert sich die Versorgung nicht sofort.
Doppelt belastet
Nach Beginn des Konflikts stieg der Aluminiumpreis deutlich und erreichte im Frühjahr Werte von bis zu 3.500 US-Dollar je Tonne. Treiber sind wachsende Angebotsrisiken und steigende Energiepreise – für eine energieintensive Industrie ein unmittelbarer Kostenfaktor. Die Folgen wirken damit in zwei Richtungen: über gestiegene Energie- und Rohstoffkosten einerseits und Risiken bei Versorgung und Transport andererseits.
Druck entlang der gesamten Wertschöpfung
Die Auswirkungen reichen weit über die Schmelzen hinaus. Verarbeiter stehen vor höheren Vormaterialpreisen, die sie kaum oder nur zeitversetzt und mit entsprechender Liquiditätsmehrbelastung an ihre Kunden weitergeben können – und das bei ohnehin verhaltener Nachfrage. Gleichzeitig sorgen Lieferengpässe bereits für Produktionsunterbrechungen in Industrie und Automotive. Die Krise legt offen, wie verwundbar die globalen Lieferketten inzwischen sind. Lieferantenrisiken, Materialkosten und -versorgung, Resilienz und Flexibilität – diese Themen gewinnen spürbar an Dringlichkeit.
Folgen für deutsche Aluminiumverarbeiter und Gießereien
Das belastet eine Branche, die seit Längerem unter geringer Nachfrage aus Automobilindustrie, Bau und Maschinenbau leidet. Für Gießereien, Räderhersteller und andere Aluminiumverarbeiter wird die Lage zunehmend schwieriger: Material- und Energiekosten ziehen an, die Auftragslage bleibt in großen Teilen schwach, und OEMs übernehmen Kostensteigerungen nur begrenzt. Die Margen schrumpfen. Besonders hart spüren das Räderindustrie und Automotive-Zulieferer – wachsende Kosten bei gleichzeitig fehlender Auslastung. Gerade in diesem Umfeld wird die Beschaffung zu einem zentralen Handlungsfeld: Wer Preisrisiken aktiv steuert und Flexibilität in der Lieferkette nutzt, kann sich Spielräume sichern, die über Wettbewerbsfähigkeit und Marge entscheiden.
In Teil 2 und 3 unserer Serie analysieren wir die Lage der Aluminiumindustrie und ihrer Abnehmerbranchen – und zeigen, wo Unternehmen ansetzen können.