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Wenn die Ausnahme zur Regel wird: Der Irankonflikt und der Wandel der Lieferketten im Mittelstand

Der Nahost-Konflikt bringt die globalen Lieferketten aus dem Takt. Nicht nur Öl und Gas verteuern sich. In Asien stehen Raffinerien und Fabriken still, weil Rohstoffe und Vorprodukte fehlen. In Afrika mangelt es an Dünger. Autobauer fürchten Engpässe bei Aluminium, Händler blicken nervös auf Lieferungen aus Fernost. Gleich drei Faktoren treffen die Lieferketten: gestörte Transportwege, sprunghaft steigende Versicherungs- und Finanzierungskosten sowie Knappheit und Lieferverzögerungen bei Rohstoffen und Vorprodukten.

Nicht der eigentliche Schock ist das Problem, sondern die anhaltende Unsicherheit. Diese zieht sich durch die gesamte Lieferkette. Die Passage durch die Straße von Hormus ist auch nach der Waffenruhe unsicher – politisch wie operativ. Reedereien zögern, Routen werden angepasst oder Fahrten verschoben.

Verzögerung statt Blockade
Rund 1.000 Schiffe stauen sich in der Region, Transportketten geraten ins Stocken. Selbst bei einer Stabilisierung rechnet Hapag-Lloyd mit sechs bis acht Wochen, bis sich der Betrieb wieder normalisiert. Gleichzeitig steigen die Kosten deutlich. Reedereien berichten von Zusatzbelastungen von 50 bis 60 Millionen US-Dollar pro Woche – vor allem durch Umleitungen, Verzögerungen und stark steigende Versicherungsprämien. Besonders Kriegsrisikoversicherungen verteuern sich erheblich, teils um bis zu 1.000 Prozent. Staaten wie Indien prüfen bereits Garantien, um Transporte überhaupt noch absichern zu können. Problematisch ist nicht die vollständige Blockade, sondern die Kombination aus Verzögerung und eingeschränkter Versicherbarkeit.

Wenn Energie unsicher wird
Rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und LNG-Handels passiert die Straße von Hormus. Für Europa sind es 7 Prozent der Ölimporte und etwa 8,5 Prozent des LNG; bei Diesel und Kerosin liegt der Anteil bei bis zu 40 Prozent. Seit der Eskalation stiegen die LNG-Preise um mehr als 80 Prozent. Die Lage bleibt angespannt, die Preise volatil und Liefermengen schwer planbar. Energie wird damit nicht nur teurer, sondern unzuverlässiger in Verfügbarkeit und Timing.

Engpässe bei Rohstoffen und Vorprodukten
Ob Aluminium, Naphtha oder Schwefel – viele Grundstoffe werden in den Golfstaaten produziert oder über die Region gehandelt. Die Störungen betreffen damit nicht nur den Transport, sondern bereits die vorgelagerten Stufen der Wertschöpfung. Besonders sichtbar wird das bei petrochemischen Vorprodukten: Naphtha verteuert sich deutlich, in der Folge steigen auch die Kosten für Kunststoffe wie Polyethylen und Polypropylen.

Auch Düngemittel und ihre Ausgangsstoffe geraten unter Druck. Ammoniak, Urea oder Phosphate werden in großen Mengen aus der Region exportiert. Ausfälle und höhere Energiepreise schlagen direkt auf Verfügbarkeit und Preise durch – mit spürbaren Folgen für die Landwirtschaft, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, die kaum Düngemittelvorräte halten.

Hinzu kommen direkte Eingriffe in die Produktion. Angriffe auf petrochemische Anlagen sowie Produktionskürzungen und Abschaltungen von Schmelzen verschärfen die Lage. Auch Spezialgase wie Helium werden knapper – mit Folgen für Halbleiter und Medizintechnik. Gleichzeitig treiben höhere Energiekosten die Transportpreise, auch im europäischen Binnenmarkt. Engpässe entstehen damit nicht nur im Transport, sondern auch bei Rohstoffen und Vorprodukten.

Politik bestimmt Transportwege
Die Straße von Straße von Hormus entwickelt sich zu einem politisch gesteuerten Korridor. Die Passage wurde zuletzt von Iran und den USA parallel eingeschränkt. Der Transit wird auch zukünftig spürbar beeinflusst werden: Genehmigungen, Gebühren und kurzfristige Auflagen nehmen zu. Für Unternehmen steigen damit die Kosten, während die Planbarkeit sinkt. Routen, Zeitfenster und Absicherung hängen zunehmend von politischen Entscheidungen ab.

Mehr als eine Krise: strukturelle Schwächen in Lieferketten
Noch reagieren Unternehmen operativ: alternative Routen, andere Transportmittel, kurzfristige Beschaffung. Mit etwas Abstand rückt die strategische Frage in den Vordergrund – wie sich Lieferketten robuster aufstellen lassen.

Lieferketten sind strukturell verwundbar – vor allem bei energieintensiven Vorprodukten, stark konzentrierten Lieferquellen und kritischen Transportkorridoren wie der Straße von Hormus oder dem Suezkanal. Zugleich verschiebt sich das Risikoprofil. Nicht der Ausfall einzelner Lieferungen steht im Vordergrund, sondern Verzögerungen, steigende Kosten sowie Versicherungs- und Finanzierungsrisiken. Die Folgen treffen Unternehmen direkt: höhere Kapitalbindung, längere Vorlaufzeiten und unsichere Planung – Lieferzeiten binden Liquidität und erhöhen den Working-Capital-Bedarf. Geopolitische Risiken werden damit zur Managementaufgabe. Unternehmen müssen sie aktiv managen – etwa über Szenarioanalysen, Frühwarnsysteme und eine strukturierte Bewertung ihrer Lieferanten.

Lieferketten sollten in Zukunft nicht nur auf Effizienz ausgerichtet sein, sondern auch auf Absicherung gegen Störungen. Engstellen wie Hormus sind systemkritisch, ihre Auswirkungen reichen weit über Energie hinaus.

Die Folgen für den Mittelstand
Der Iran-Konflikt ist damit kein Ausreißer, sondern zeigt grundlegende Schwächen globaler Lieferketten: politisch bedingte Engpässe, steigende Kosten und hohe Abhängigkeiten von einzelnen Transportwegen und Vorprodukten. Die Auswirkungen sind dabei ungleich verteilt. Besonders betroffen sind energieintensive Vorprodukte, Metalle und petrochemische Derivate sowie Unternehmen mit eng getakteten Seefrachtketten.

Für den industriellen Mittelstand wird daraus ein operatives Problem: längere Transitzeiten, steigende Beschaffungskosten und unsichere Verfügbarkeit erhöhen die Vorfinanzierung und binden Liquidität.